Schulentwicklung ist eine entscheidende Dimension jeder Schule, und zwar von Anfang an. Deshalb habe ich im ersten Schulhalbjahr eine erste Evaluation durchgeführt, die sehr spannend war und praktische Auswirkungen hatte, die ich so nicht vorausgesehen hatte. Ich konzipierte einen Fragebogen für Schüler, in dem zu verschiedenen Bereichen unserer Schule Bewertungen auf einer Skala von 1 bis 5 vorgenommen werden sollten. Er enthielt aber auch offene Fragen. Besonders gefreut habe ich mich über die Beurteilung der Unterrichtsqualität: 76 % unserer Schülerinnen und Schüler finden sie sehr gut, 19 % gut und 5 % befriedigend. Kein einziger Schüler bewertete diesen Bereich mit ausreichend oder mangelhaft. Ähnlich erfreulich ist die Beurteilung der Lehrkräfte (sehr gut 70 %, gut 25 %, befriedigend 5 %, ausreichend und mangelhaft jeweils 0%). Verbesserungen haben wir uns für die Bereiche Freizeitaktivitäten und Mahlzeiten vorgenommen. Hier gab es folgende Beurteilungen:
–    Freizeitaktivitäten: sehr gut 38 %, gut 57 %, befriedigend 5%, ausreichend und mangelhaft: jeweils 0 %
–    Mahlzeiten: sehr gut 45 %, gut 15 %, befriedigend 40 %, ausreichend und mangelhaft: jeweils 0 %

Der neue PatronBei der Auswertung waren wir äuĂźerst ĂĽberrascht, dass der Internatserzieher der Jungen, der uns allen sehr sympathisch war und ĂĽberaus kompetent erschien, äuĂźerst schlecht bewertet wurde. Sehr negative Bemerkungen in den offenen Fragen – mehrere SchĂĽler schrieben „ich hasse ihn“ – bestätigten dies. Daraufhin befragten wir die SchĂĽler sehr eingehend. Nach anfänglichem Zögern trauten sie sich, uns zu sagen, dass der „Patron“ trotz unseres Verbotes zwei SchĂĽler geschlagen hatte. Er hatte sich dazu wohl durch die allgemeine Praxis in tansanischen Schulen und die neuerdings ĂĽberall vehement vorgetragenen Rechtfertigungen gewalttätiger Sanktionen in Schulen ermuntert gefĂĽhlt und den SchĂĽlern strengstens verboten, mit uns darĂĽber zu sprechen. Nach einer Anhörung des Erziehers, in der er zu den VorwĂĽrfen Stellung nahm und sie nach und nach bestätigte, entlieĂź ich ihn, da die Basis fĂĽr gute pädagogische Arbeit nicht zuletzt durch seine Drohungen und EinschĂĽchterungsversuche zerstört war.

Glücklicherweise fand ich sehr bald einen neuen „Patron“, der das Schlagen von Schülern verabscheut. Es ist ein pensionierter tansanischer Grundschullehrer, der gütig und liebevoll ist, aber dennoch von den Schülern respektiert wird. Sie nennen ihn „Babu“ (Großvater). Abends sitzt er oft mit ihnen zusammen, und sie dürfen ihn dann alles fragen, was sie gerne wissen möchten.

Im Nachhinein bin ich sehr froh, dass wir so frühzeitig mit dem Evaluationsprozess begonnen haben. Ohne dieses Instrument wäre die Wahrheit wohl erst viel später ans Licht gekommen.

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Dr. Karl-Heinz Köhler

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